Donnerstag, 6. November. Papier meets Leidenschaft in der kunstschule wandsbek.

Sylvia Wiener von Römerturm steht vor dem Podium im offenen Kommunikationsraum und beginnt ihren Vortrag über das Stilmittel Papier und schafft es, ihre Zuhörerschaft für ein empfunden pragmatisches Metier zu begeistern.

 

„Im Wesen des Papieres war schon Leidenschaft zu ahnen,
die mir die ungelesenen Zeilen noch verbargen.
Alles Hoffen und Ersehnen unter meinen Fingerkuppen.“
– Mit diesem Reim erobert Frau Wiener die Stille im Raum. Gebannt hängen die Studenten sofort an ihren Lippen und erahnen, dass es hier um mehr geht, als um die bloße Zusammensetzung und Herstellung von Papier.

Papier umgibt uns ständig. Und Papier ist irgendwie selbstverständlich. Aber leider wird dieses oft ziemlich undankbar und nachlässig gehandhabt. Dabei ist und kann Papier „mehr“: Es ist ein Kommunikationsmittel. Ein emotionaler Träger. Und ganz wichtig: ein Stilmittel. Während der Duden eher rustikal auf die Frage der Definition antwortet, weiß Frau Wiener um die bedeutungsschwere Tragweite, für die sie uns gerade sensibilisiert. Oder habt ihr noch nie einen Liebesbrief geschrieben…?

Doch erst ein einmal ein wenig Theorie. Denn stillistisch eingesetzt werden kann nur das, was man kennt. Und wie der Strom nicht aus der Steckdose kommt, so kommt Papier nicht aus dem Collegeblock. In riesigen Maschinen werden Fasern verfilzt und gepresst und verhaken sich so ineinander, dass sie eine Oberfläche bilden. Dabei gilt: Je verfilzter, desto besser das Papier. Um das im wortwörtlichen Sinne zu „begreifen“, werden Musterexemplare herum gereicht. Neugierig streicheln, kratzen und wedeln wir experimentierfreudig herum und entwickeln ein Gefühl für die Vision, die Sylvia Wiener uns gerade näher zu bringen ersucht.
„Eins fühlt sich irgendwie weicher an!“ Staunt deshalb einer der Studierenden. Das greift unsere Referentin sofort auf, indem sie uns erklärt, dass Papier eben ausschließlich subtile Eindrücke vermittelt, die man gezielt zur Kommunikation verwenden kann.

Römerturm war so großzügig, uns Papiermuster zu schenken, die in einer Mappe verschiedene Poster bündeln, die jeweils mit unterschiedlichen Papieren hergestellt wurden. Mit diesen Beispielen verdeutlicht sie uns die Hauptunterschiede, denn es gibt „Gestrichene Papiere“ und „Naturpapiere.“
Wir werden aufgefordert, die bedruckten Poster zu schütteln. „Wie klingt es für Sie? Und was fühlen Sie dabei?“ Wie klingt Papier? Eine gute Frage, wie wir finden. „Kalt!“ Antwortet einer von uns.
Und ein anderer setzt entgegen: „Eher hochwertig.“

Jede Papiersorte hat eine andere Funktion, die man natürlich benutzen kann. Wer detailgetreue und gestochen scharfe Bilder erzielen möchte, sollte im Idealfall gestrichenes Papier verwenden. Hierbei „verschließt“ der Strich aus Kaolin, Kreide und Porzellan die Oberfläche, damit die Druckfarbe im Papier nicht „wegsumpfen“ kann. Die Oberfläche glänzt, wird glatt und fühlt sich – in meiner subtilen Wahrnehmung – „weich“ an.

„Unser Beispiel für das Naturpapier geht unter die Haut!“ Verspricht Frau Wiener und verspricht damit nicht zuviel. Es zeigt ein Tattoo, das Bild ist insgesamt etwas farbloser als unser erstes, welches einen gefährlich anmutenden Drachen darstellt. „Das Geräusch klingt tiefer.“ Findet ein Studierender heraus. Und: „So wirkt es viel angenehmer auf mich.“
Der Unterschied zum „Strich“ ist hier, dass das Papier nach der Herstellung nicht mehr verändert wird und die Farbe auf der Oberfläche sich so „zurecht finden“ muss.

Unser letztes Beispiel beschreibt Frau Wiener schmunzelnd: „Wenn ich böse bin, seh´ich auf dem Papier eine Frau mit Orangenhaut und es fühlt sich auch so an. Aber ich könnte auch einen Stein oder eine Mauer darauf drucken.“ Denn: Das richtige Papier unterstützt gutes Design!

 

Papier sollte bei der Gestaltung unbedingt mit einbezogen werden, was es aber oft eben nicht wird. Das ist schade, denn die Gewichtung und Bedeutung wird so völlig verkannt. Die Rednerin greift das allgemeine Stirnrunzeln auf und gibt es in einer Frage wieder: Wo liegt der Nutzen?
Das erklärt sie uns an einem aussagekräftigen Beispiel, bei dem eine Einladungskarte über den Erfolg einer Veranstaltung entschieden hat. Thematisiert wurde „Reise“, weshalb die Karte mit dem aufwändigen Deckmäntelchen eines Reisepasses aufwartete, welcher ein Ticket – die Einladung – beinhaltete. Das Ganze wurde auf einem qualitativ hochwertigem und Reisepass ähnlichem Papier gedruckt und rang den gestandenen Designern Staunen und Begeisterung ab.

Untermauern tut sie den Nutzen noch mit einer Studie, die heraus kristallisierte, dass der Einsatz von gutem Papier viel wichtiger ist, als allgemeinhin angenommen. Hierbei wurden Ärzte schriftlich um eine Spende gebeten. 45 Prozent der Propanden spendeten, wenn sie auf hochwertigem Papier gebeten wurden. Hier geht ein Raunen durch den Raum – das hätten die Studierenden nicht gedacht und sind sichtlich beeindruckt.

Im Zeitalter von E-Mails werden kaum noch Briefe verschickt. Laut fragt Sylvia Wiener sich, warum die letzten wenigen Briefe auch noch mit schlechtem Papier verschickt werden müssen? Was viele unachtsam vergessen: Papier prägt Identiät! Und ist die dritte Dimension der Gestaltung. Der unterschätzte Bereich ist dabei auch keine wirkliche Kostenfrage, so macht sie uns deutlich, dass sich die Entscheidung, welches Papier man verwendet, um einige wenige Cents dreht, die man ruhig investieren sollte. Denn was man dafür bekommt, steht für uns mittlerweile außer Frage.

Zum Schluss wünscht sie uns noch viel Erfolg für unser Studium und legt uns die Verwendung von gutem Papier ans Herz. Deshalb liegen auf der Theke Beispiele parat, die wir anfassen, angucken und diskutieren dürfen. Und einiges davon darf sogar mitgenommen werden: Es gibt Notizblöcke, funktionale Würfel und ein ganz tolles Fotobuch, welches mir persönlich ganz besonders zugesagt hat. An dieser Stelle: Ein riesiges, herzliches Danke schön an die Firma Römerturm, die ganz offenkundig nicht nur spendabel, sondern auch sehr sympathisch ist! Ein guter Grund, sich auch in Zukunft an sie zu wenden, wenn wir selber interessante Projekte haben, die uns gutes Papier Wert sind, um unser Design entsprechend zu bekräftigen.
Auf der Webseite von Römerturm können wir jederzeit auf den “Paperfinder“ zurück greifen, der uns hilft, für das richtige Projekt das richtige Papier zu finden. Außerdem stehen uns auch jederzeit Frank Haurand und Doris Brenner zur Seite, wenn wir Fragen haben oder eine persönliche Beratung wünschen. Ich persönlich kann es euch nur weiter empfehlen, denn ich bin total begeistert von der Philosophie des Unternehmens, sowie von den Menschen, die dahinter stehen.

„Und mit dem Buchdeckel schloss sich eine Welt,
nichts war mehr geblieben als der Duft des Papieres, seine weiche Glätte,
endlich schloss ich die Augen, ich spürte es noch.“
Damit endet ein spannender und leidenschaftlicher Vortrag, der uns über alle Maße begeistert und… inspiriert hat! Vielen, vielen Dank noch einmal an dieser Stelle!