man kann Schrift aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten:
die informative, also Inhalte transportierende Seite.
Von „in Form sein“ kommt man zur Gestaltung der Schrift, bei der Ästhetik eine Rolle spielt. Man muss die Stimmigkeit der Formen erkennen und schätzen lernen. Als dritten Aspekt sind die interpretierenden Formen zu nennen, die aus Schrift Bilder werden lassen.

Kreatives und lebendiges Schreiben ist gefragt, das Nichtperfekte  „mit-der-Hand-Gemachte“ ist ein Qualitätsmerkmal. Die Lebendigkeit der Handschrift als Spiegel der Persönlichkeit gilt es zu nutzen. Die experimentelle Kalligrafie ist damit ein ideales Medium für die Vermittlung von sachlichen, emotionalen und poetischen Inhalten. Wiederum ist das Experimentieren für den gestalterischen Prozess besonders wertvoll: d.h. mit der klassischen Form arbeiten, sie verändern bezüglich Proportion, Stil, sie abstrahieren, Kontraste bilden, unterschiedliche Kompositionen auf das Papier bringen. Eine Fülle von Möglichkeiten, vereint mit Intuition und Persönlichkeit. Als fassbare Mittel kann man sich im Experiment der unterschiedlichen Werkzeuge, Papierqualitäten und -farben und Schreibflüssigkeiten bedienen.

Vor dem Experiment steht jedoch das Begreifen der klassischen Form, das Sehenlernen und das korrekte Schreiben der Schrift.
Formverständnis für Buchstaben beginnt mit dem Erkennen, dass nur wenige Grundformen notwendig sind, um eine Schrift zu bauen. Deshalb beginne ich im 1. Semester mit der „serifenlosen Lapidar-Antiqua“, deren Aufbau übersichtlich aus sechs Elementen besteht: einer Senkrechten, einer Waagerechten, einer Diagonale, einer Gegendiagonale, einem Halbkreis und einem Gegenhalbkreis. Zunächst ist es wichtig, die sechs Elemente einzeln mit unterschiedlichen Werkzeugen in guter Linienqualität auf das Papier zu bringen.
Die Linien sollen einen definierten Anfang, einen Weg und ein definiertes Ende haben, es sind also nicht einfach Striche!
Mit den sechs Elementen gilt es, wenn sie gut gemacht werden, eine Komposition auf das Papier zu setzen. Mit einfachen Formen kompositorisch denken und umsetzen fällt nicht immer leicht, obwohl die Aufgabe eigentlich simpel erscheint, bereitet sie vielen Studenten zunächst Schwierigkeiten.

Über den Weg der „Einzelteile“ lässt sich dann die Schrift logisch aufbauen. Eine Schrift sicher und in guter Qualität zu schreiben, setzt die Bereitschaft zu üben (Schrift kommt von schreiben), das heißt Textmengen zu schreiben, voraus. Ist eine gute Strich- und Schriftqualität erreicht, kommt der nächste Schritt, nämlich mit den Formen zu experimentieren. Dabei geht es um „so lesbar wie nötig – so frei wie möglich“ bis zum Unlesbaren, den interessanten skripturalen Formen. Ein weites Feld mit einer Fülle an Möglichkeiten.

In meinem Unterricht steht am Ende immer auch das gebundene Buch. Das bedeutet, dass neben dem schreiben und experimentieren auch das konzeptionelle Denken gefordert wird.

Zur Zeit sind besonders aufwändig gebundene Bücher vom Semester 2.1A in der Vitrine zu betrachten. Auf Wunsch eines „einzelnen Herrn“ , dem sich alle (auch ich) gebeugt haben, sind die Bücher koptisch gebunden. Das war für Alle während des gesamten Prozesses arbeitsreich und hat durchweg zu guten Ergebnissen geführt!

Bei den allgemeinen Betrachtungen über das Schreiben mit der Hand, habe ich zum Teil aus den Erkenntnissen meines geschätzten Lehrers Professor Gottfried Pott geschöpft.
Es macht mir Freude mein Wissen und Tun an mehr oder weniger interessierte Studenten weiter zu geben und bei den weniger Interessierten doch noch das Feuer für das Thema zu entfachen.

Eveline Petersen-Gröger