Ist Kalligrafie noch zeitgemäß und welchen Sinn hat das Fach eigentlich?

Wenn man über den Horizont der „Grußkarten-Kalligrafie“ nicht hinausblicken kann, müsste man die erste Frage wohl tatsächlich mit „nein, ist sie nicht“ beantworten.

Die Fachdozenten der KW haben jedoch eine andere Sicht auf die Dinge und es ist an der Zeit diese einmal darzustellen:

Zunächst steht das handwerkliche Schreiben im Vordergrund, das Erkennen der Formen, der Blick für Kleinigkeiten. Das heißt, sich mit einem Alphabet analysierend auseinandersetzen, Details herausarbeiten und mit dem erarbeiteten Alphabet zu schreiben beginnen, ist immer auch eine „Schule des Sehens“.

Die Schrift, mit der man z.B. gut beginnen kann, ist die „Lapidar Antiqua ohne Serifen“. Diese Schrift eignet sich hervorragend dazu, an ihr ein Gefühl für Proportion zu entwickeln und das Bewusstsein zu schulen, dass der leere Raum zwischen den Linien ebenso wichtig ist, wie die Qualität der Linie selbst. Das lässt sich am besten über die Hand- und Kopfarbeit „schreiben“ erschließen: den gewohnten Pfad der zeilenorientierten Schrift verlassen, neue, eigene Wege finden. Ist die handwerkliche Grundlage (Umgang mit der Form ebenso wie mit Feder und Farbe) geschaffen, beginnt der experimentelle, expressive Teil.

Handgeschriebenes ist immer ein Ausdruck der Persönlichkeit, des Geistes. Unsere Handschrift erzählt so viele Dinge: woher wir kommen, in welcher Zeit wir leben, ob wir Kind oder Erwachsener sind, ob wir ruhig oder überschwänglich sind…. Handschrift als Kunst meint die Balance zwischen Raum und Geste.

moderne Kalligrafie

Ungewöhnliche Hilfsmittel, die als Schreibwerkzeuge für das Experiment dienen, stehen in den Kursen reichlich zur Verfügung. Außerdem sind der eigenen Fantasie im Finden neuer Werkzeuge keine Grenzen gesetzt. Kann man sich auf die Thematik und deren Möglichkeiten einlassen, wird sich die eigene Kreativität weiterentwickeln. Allein das macht schon den Sinn dieses Faches aus. Der praktische Nutzen begründet sich in Nachfragen aus der Wirtschaft, bezüglich der Dienstleistung „schreiben“. Hier ein paar Beispiele aus den letzten Monaten:

Da ist die Filmindustrie zu nennen, die für einen Kinofilm zwei weibliche Handdoubel gesucht hat, die in der Lage sind, sich in kurzer Zeit die „Kurrentschrift“ (ca. 1780) anzueignen und die Schauspielerinnen beim Schreiben zu doubeln. Der Film kommt in diesem Jahr in die Kinos, zwei Studentinnen haben die Aufgabe erfolgreich erfüllt und berichten ausführlich über das Projekt, wenn der Film in den Kinos läuft.

Ein Hamburger High-End Modeunternehmen brauchte handschriftliche Anreden auf Einladungskarten und handgeschriebene Briefumschläge.
Eine namhafte Reederei lässt Kataloge für ein neues Kreuzfahrtschiff personalisieren, Größenordnung ca. 1800 Namen.
Ein Traditionsbuch einer Stiftung musste weiterbeschriftet werden.

Ein Modeunternehmen brauchte von heute auf morgen ein paar handgeschriebene Einladungen mit abweichenden Texten.

Über die Entwicklung von handschriftlichem Logodesign könnte Anja Lüdtke Seiten füllen.

Agenturen beklagen, dass zur Zeit die Generation „ich kann nur mit der Maus arbeiten“ da ist. Es werden die kreativen „Papier- und Bleistift-Leute“ gebraucht. Beides, Maus und Bleistift sollte man benutzen können.

Der Gestalter Peter Schmidt sagt in einem Interview sinngemäß: „Das Entwerfen von Hand ist wichtig, um ein Gefühl für Formen, für die haptische „Begreifbarkeit“ im doppelten Wortsinn zu bekommen.“ Während seiner Ausbildung wurde die Handschrift über Jahre immer weiterentwickelt. Er trainiert auch weiterhin seine kalligrafischen Fähigkeiten.
(Quelle: Inszenierte Welten. Der Gestalter Peter Schmidt. Seite 88)

In der „Novum“ 02/13 schreibt Felix Scheinberger (Professor für Illustration, FH Münster) in seinem Artikel „Googeln vs. Kreativität“ über die Wichtigkeit immer wieder auch zu den Wurzeln zurückzukehren….
Glaubt man nicht an den Sinn des handschriftlichen Arbeitens, glaubt man womöglich als nächstes auch nicht an den Sinn ein Bild zu malen.

Bitte Leute, malt und schreibt!

Ein Artikel von Dozentin Kalligrafie Eveline Petersen-Gröger