Der Weg ist das Ziel.

Der alte Meister des Bogenschießens in Japan unterrichtet einen neuen Schüler. Dieser soll mit 3 Pfeilen ein Ziel treffen. Den ersten Pfeil hat der Schüler schon links am Ziel vorbei geschossen. Der Meister rät nun seinem Schüler den zweiten Pfeil bewusst rechts neben dem Ziel vorbeizuschießen.
Der Schüler sieht in mit Erstaunen an.
Er soll seinen zweiten Pfeil einfach so verschwenden, dann bleibt ihm ja nur noch ein Pfeil und ein Versuch. Der Meister erklärt ihm lachend: Du musst die Mitte finden, ein Pfeil links neben dem Ziel vorbei ist nicht schlimm, jetzt einfach bewusst den Zweiten rechts vorbei schießen und dann hast du ein Gefühl für die Mitte bekommen.
Der Schüler lacht, begreift – und trifft mit dem dritten Pfeil ins Schwarze.“

Wahrnehmung und Wirklichkeit.

Meisterschaft in einem bestimmten Fach zu erlangen ist ein Weg, sagen die Asiaten. Und der Weg ist das Ziel, nicht das einzelne Ergebnis, das aktuelle Werk.
Die klassische, europäische Schule sagt; Kunst kommt von Können, also eine Art hohe, handwerkliche Fähigkeit. Die moderne Kunstbetrachtung sagt: Jeder Mensch ist ein Künstler und Kunst ist eine Frage der Wahrnehmung und der Rezeption der Öffentlichkeit. Sprich: Wenn man etwas in den Fokus der Wahrnehmung stellt, wird es zum Besonderen, zum Kunstwerk.
Das Bauhaus sagt, Kunst und Handwerk, Design und Wirtschaft sollen eine Einheit bilden, denn es geht um Form und Funktion, um Ästhetik im Lebensalltag.
Recht haben Sie alle. Jeder aus seiner Sichtweise.
Es geht um die Schönheit, darum das Leben der Menschen zu verschönern. Unser aller Leben. Vielleicht ist das der älteste, der wahre, der urmenschliche Impuls. Damals in irgendeiner Höhle fing es vermutlich an, vielleicht an einem wärmenden, lodernden Feuer … ein neues Werkzeug wird hergestellt, um es dann noch zusätzlich zu verzieren. Der intensive Impuls mit noch heißer, glühender Holzkohle magische Zeichen und Zeichnungen an die Höhlenwand zu bannen oder aber mit roter Beerenfarbe die Bekleidung zu dekorieren oder auch einfach einen Gegenstand zu gestalten und ihn dann zweckfrei zu einem Schmuckstück zu erklären. Vielleicht macht uns das erst zum Menschen, dieses Bedürfnis unsere Welt, unsere Umwelt, aktiv und bewusst zu gestalten, zu formen, zu verschönern – zu meistern. Die einen üben dieses als Beruf aus, die anderen verwirklichen sich im privaten Leben.

Das Abenteuer kreativ zu sein.

Wie erschaffe ich nun ein Meisterstück? Es ist wie bei allen menschlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten. Am Anfang steht die Arbeit, die Übung. “Übung macht den Meister“ – sagten uns schon die alten Meister. Recht haben Sie. Experimente und Tests sind wichtig, sich leidenschaftlich ausprobieren, das gesamte Spektrum der Möglichkeiten kennen lernen – das Abenteuer kreativ zu sein genießen – mit allen Möglichkeiten spielen, sie auszureizen, sie sich zu eigen zu machen, zu meistern. Und dann – ganz wichtig – innehalten und wahrnehmen, reflektieren, sich das anschauen, was man erschaffen hat, es denkend auswerten, Regeln und Gesetzmäßigkeiten darin finden. Das ist Lernen.
Lernen führt zu einem hohen Niveau von Fertigkeit und irgendwann zu einer gewissen Meisterschaft. Der Weg, dieser Weg, geht dann ein Leben lang weiter. Wissenschaft und Kunst haben die gleichen Wurzeln, es geht um die Wahrnehmung, Gesetzmäßigkeiten und Modelle der Realität zu erforschen. Beim Lernen erarbeiten wir uns innere Modelle, wir erschaffen uns sozusagen eine innere Welt, aus der heraus wir dann die Außenwelt, die Realität aktiv und bewusst gestalten können.

Der kreative Prozess.

“Lehren heißt lernen“, sagte mir mal einer meiner alten Professoren. “…man sollte sich immer wieder beobachten, an sich arbeiten und es auch genießen durch die Lernenden, die Studierenden, inspiriert zu werden, um sie noch besser zu verstehen und anleiten zu können, sie letztendlich noch besser selber inspirieren zu können.
Es ist ein intensiver, wechselseitiger Prozess …“ Wunderbar, vielen Dank, ein unvergessenes Gespräch.

Das weiße Blatt.

Es bleibt der magische Moment vor dem Start. Die Magie des weißen Blattes. Ein weißes, neues, noch unschuldiges Blatt wartet auf seinen Einsatz, egal ob digital oder klassisch/analog, es ist immer wieder ein besonderer Moment. Der Moment.
Der Moment des Anfanges, der ersten Bewegung, Aktion, auf dem Blatt. Da liegt es nun das weiße Blatt und denkt und hofft, das etwas Besonderes, Einmaliges entsteht, denn dann hat es die Hürde vom Labor, vom Experimentierfeld, vom Testobjekt, von der Makulatur zum Mappenanwärter, zum Meisterstück geschafft. Es hofft und bangt – plötzlich, der kreative Mensch wagt es. Bewegt es, berührt es. Da, es entsteht Etwas, das könnte Etwas werden, man bemerkt es an dem kühnen, ersten …to be continued.

Der Weg zum Meisterstück von Oliver Hahn Der Weg zum Meisterstück von Oliver Hahn Der Weg zum Meisterstück von Oliver Hahn Der Weg zum Meisterstück von Oliver Hahn Der Weg zum Meisterstück von Oliver Hahn Der Weg zum Meisterstück von Oliver Hahn Der Weg zum Meisterstück von Oliver Hahn Der Weg zum Meisterstück von Oliver Hahn