Wie auf der Webseite angekündigt, hat Wolf Rüdiger Marunde am vergangenen Freitag einen Gastvortrag in der kunstschule wandsbek gehalten. Wir wollen: nochmal! Wir hatten: zu wenig Zeit.

Herr Marunde lächelt in die studentische Runde, als es losgehen soll. „Naja“, sagt er und schreitet zum Podium. „Ich bin ja schon ein Fossil in der Branche.“, zwinkert er uns zu. Wir rutschen gespannt auf unseren Stühlen umher, denn wir ahnen, dass uns der heutige Gast viel zu sagen haben wird.
Der Cartoonist beginnt bei seinem Studium, erzählt, dass der digitale Aspekt der Gestaltung damals noch nicht so im Vordergrund lag. Viel Wert wurde auf den praktischen Teil gelegt, mehrmals macht er uns deutlich, dass das Zeichnen von großer Bedeutung ist und nicht unterschätzt werden sollte, auch, und gerade weil, die heutige Technik vieles möglich macht, wo unsere Hand „versagt“.

Nach seinem Studium, zu Beginn der 70er Jahre, beschließt Herr Marunde, freier Künstler zu werden, was sich in der ersten Zeit äußerst schmerzhaft auf seinem Konto bemerkbar macht. Da kommt ihm ein gönnerhaftes Schicksal behilflich entgegen: Der „Stern“ muss zu diesen Zeiten gute Karikaturen und Illustrationen aus dem Ausland „einkaufen“. Das Magazin beklagt sich darüber, dass es in Deutschland zu wenige gute Talente gibt.
Deshalb beschließt unser Vortragende sich „vier Wochen lang nur noch Witze auszudenken und damit zum „Stern“ zu gehen.“ Gesagt, getan. Bildhaft beschreibt Herr Marunde uns einen riesigen Schreibtisch, vor dem er mit Herzklopfen sitzt, während ein Redakteur mit tiefen Stirnfalten seine Karikaturen durchblättert. „Er hat einfach nicht gelacht.“ Stattdessen herrscht ein großes Schweigen, der Abgrund ist beinahe greifbar, als: „Wissen Sie, hier gehen jeden Tag über zweihundert Cartoons über den Schreibtisch. Da kann ich mir nicht jedes Mal auf die Schenkel klopfen!“ Er wird genommen.

Jetzt ist er eine ganze Weile sowohl mit Cartoons als auch mit politischen Portraitkarikaturen beschäftigt. Während er uns einige – wohl bekannte übrigens – Beispiele zeigt und dafür so einigen Lacher einheimst, erklärt er uns, dass man immer „hingehen“ muss. Die Konkurrenz ist groß und schläft nicht, also: „Geht hin und stellt euch vor!“ Zu verlieren haben wir nämlich nichts, dafür alles zu gewinnen.
Meistens bekommt er für die Illustrationsaufträge nur ein paar Tage Zeit. Und dass man mit seiner Arbeit auch mal „daneben haut“, ist für das wohl bekannte Magazin völlig normal. Doch was zeichnet eine gute Karikatur aus?

Eine stilfeste Hand. Es hilft nichts, man muss das Handwerk des Zeichnens beherrschen. Dazu braucht man Wissen. Sich ausschließlich in seiner Subkultur zu bewegen, reicht nicht: Man muss über das, was man darstellt, auch Bescheid wissen. Also viel lesen, Nachrichten schauen und sich informieren. Sucht den Austausch, bildet euch weiter und blickt intellektuell über den Tellerrand.

In den 70er Jahren waren Cartoons übrigens noch nicht angesehen. Die Dozentin von Herrn Marunde hält zwar viel von seinem Talent, empfindet Cartoons und Comics allerdings als „Verschwendung“ – „Mir hat dieser „Mist“ allerdings mehr Spaß gemacht.“, zuckt er leichthin die Schultern und uns wird ebenfalls ganz leicht um´s Herz, ist es doch für uns ein lebendes Beispiel, dass Träume nicht gleich Schäume sind.
Seine „Träume“ – und was diese auszeichnen – beschreibt er unter anderem so: „Ich möchte einen Cartoon so gestalten, dass der Betrachter Lust bekommt, in ihm spazieren zu gehen.“ und: „Für mich sind Cartoons wie Filme, die im Kopf ablaufen.“ Genau. Wir wissen, was er meint, oder?

Aber wie schafft man es denn eigentlich, auf Knopfdruck witzig zu sein? Komik und gut gewürzter Humor ist anstrengende Kunst. „Der Witz entsteht, wenn der Betrachter den Widerspruch entdeckt, zwischen dem, was eigentlich passieren sollte, und dem, was der Cartoon darstellt. Haha, ich weiß Bescheid!“, klärt Herr Marunde uns auf. „Und diese Reaktion muss in Sekundenbruchteilen ablaufen.“ Doch worin das Geheimnis seiner Witze liegt, kann er uns nicht verraten. Ein Patentrezept gibt es nicht. Am beliebtesten seien übrigens Cartoons und Karikaturen, die das Thema Zweierbeziehungen behandeln. „Man denkt, die Leute wissen irgendwann Bescheid. Aber nein, jede Generation macht die immergleichen Erfahrungen immer wieder neu.“ Die Aufgabe eines Cartoonisten besteht also oft darin, Trost und Zuspruch zu spenden.

Ein zweiter Aspekt ist das Gefühl der Leserschaft, mit ihren Alltagsproblemen „gesehen zu werden“. Das gilt auch für die vielen Menschen, die abseits der Metropolen auf dem Lande leben, und die sonst in den Medien kaum vorkommen. Doch Vorsicht ist geboten! „Mich hat mal ein Landwirt darauf angesprochen, dass meine Vorderreifen auf dem gemalten Trecker nicht der Vorschrift entsprechen“, grinst der Mann vor uns. Auf die Kleinigkeiten wird geachtet und zwar erheblich. Der Cartoonist empfindet das als liebevolles Feedback und Zuwendung seines Publikums.

„Ich bin wie ein Staubsauger,“ beinahe ernst sagt er diesen Satz, „der seine Umgebung aufsaugt. Mir ist egal, wo. Selbst, wenn meine Frau mal zu Ikea möchte, nutze ich die Zeit, setze mich in das Café und beobachte einfach nur die vorbei laufenden Menschen. Alle Sinne sind geöffnet!“ Bei dieser Gelegenheit fügt er schmunzelnd hinzu: „Fertige Arbeiten zeige ich immer meiner Frau. Wenn sie die Sachen nicht komisch findet, kann ich die auch nicht nehmen.“ Er bedauert, dass es in den Redaktionen keine Fachleute für Humor & Satire mehr gebe, die Ansprechpartner und Korrektiv sein können. Cartoons und Karikaturen spielen in den Planungen der Blattmacher eine immer kleinere Rolle und würden zunehmend ganz gestrichen.

Der Vortrag hat die Studierende völlig begeistert, was nicht zuletzt auch an der Sympathie des Vortragenden lag. Mit viel Humor und Wissen hat er die Studenten mehr als zwei Stunden lang völlig in seinen Bann gezogen und gefesselt. Und es hätte immer so weiter gehen können. Auch dieser Artikel kann leider nur einen winzigen Auszug dessen geben, was uns so beeindruckt hat. Eine geballte Portion Wissen, mit einer Prise Humor und wunderschöne Praxisbeispiele haben uns mitgerissen, wir haben viel gelacht, viel gelernt und viel nachgedacht. Und dafür, Herr Marunde, möchten wir uns sehr herzlich bei Ihnen bedanken! Wir freuen uns immer wieder über Ihren Besuch 🙂 !